Gerard Byrne

Installationsansicht 2017, Foto: Henning Rogge

Installationsansicht 2017, Foto: Henning Rogge

In Our Time [In unserer Zeit]

2017

 

Rauminstallation, Video, ohne spezifische Dauer

 

Standort

Klavierraum, Untergeschoss Stadtbücherei

Alter Steinweg 11

 

Temporäre Installation für die Dauer der Ausstellung

 

Gerard Byrne

* 1969 in Dublin, Irland

lebt in Dublin, Irland

Gerard Byrne befragt mit seinen filmischen, auditiven und fotografischen Werken mediale Konstruktionen und Manipulationen, zum Beispiel von dokumentarischem Material, Fotografien, Interviews und Texten. Ihn interessiert, wie Geschichtsbegriffe und Mythen die Möglichkeiten von Verleumdung und das Aufkommen fiktiver Fakten konstituieren. Das schließt auch die Frage mit ein, wie sie eine Bewertung kultureller Produktion und Debatten über gegenwärtiges und künftiges gesellschaftspolitisches Geschehen bestimmen. Seine Filme erscheinen als High-End-Formate, sie brillieren durch exzellente Bildqualität, Kameraführung und Ausstattung, Darstellung, sprachliche Performanz und unterhaltsame Dialoge. Dennoch haben sie fragmentarischen Charakter. Byrne montiert Sequenzen aus dokumentarischem Material und reinszeniertem Schauspiel, das er mit Schwarzbild und räumlich-szenischen Wechseln, Close-ups von Gesichtern oder funktionalen Gegenständen unterbricht. Die Werke eröffnen sich in Installationen, die im Sinne des Narrativs, der filmischen Erzählung oder eines bildlichen oder musikalischen Themas inszeniert scheinen, und an denen die Besucher_innen performativ mitwirken. Byrne aktualisiert, sowohl mit bildlichen Verfremdungseffekten und Irritationen als auch in der zeiträumlichen Öffnung der Werke, Impulse des epischen Theaters Bertolt Brechts. Dieses markiert eine verspätete Aufklärung perzeptiver Anschauungsgewohnheiten und fordert die Besucher_innen dazu auf, sich selbst im Wirkungsprozess des Kunstwerkes und darüber hinaus, in gesellschaftlichen, kulturellen und ethischen Prozessen bewusst wahrzunehmen – Betrachter_innen und Akteur_innen zu werden.

Als Ort für sein Projekt In Our Time wählte Byrne in der Stadtbücherei Münster einen Raum neben dem sogenannten Computerspielzimmer. Die Inszenierung präsentierte die große Rückprojektion eines Bildes; nach und nach wird im Film das Radiostudio einer vergangenen Ära erkennbar. Die Kamera bewegt sich kontinuierlich durch die Mise en Scène und baut die Szene auf, indem sie empirisch Einzelheiten zusammenträgt, die den Eindruck des Raums vermitteln, Mikroeindruck um Mikroeindruck. Während die Kamera den Raum abfährt, wechselt der begleitende Soundtrack zwischen Popmusik, aktuellen Nachrichten, Wetterbericht und anderen Radioklängen. Hin und wieder ist die synchronisierte Stimme des Moderators zu hören, der auch im Bild zu sehen ist und von Zeit zu Zeit die abwesenden Zuhörer_innen anspricht. Zwischen den relativ vertrauten Klängen sind auf diese Weise Aktivitäten innerhalb eines Raumes zu sehen und zu hören, der sonst unsichtbar bleibt: das Studio.

Radiosendungen, ähnlich wie die populären Zeitschriften, auf die sich Byrne in seinen frühen Arbeiten immer wieder bezog, sind besessen von dem Streben nach Aktualität, daher ist es keine Überraschung, dass der Radiomoderator wiederholt Tag und Uhrzeit ansagt. Zugleich scheinen diese Referenzen in Byrnes Film jedoch auf eine geradezu unheimliche Art und Weise mit der Echtzeit der Zuschauer_innen abgestimmt zu sein. In Our Time spielt mit dem Kontrast von Performativität und Verborgenheit, zwischen der extrovertierten Stimme und dem müden Körper des Moderators, der sich offenbar unbeobachtet fühlt. Konzepte von Skulptur und Theater, Gegenwart und Abwesenheit, der Jetztzeit und anderen Zeiten wurden von Byrne im Kontext der Skulptur Projekte zusammengeführt und aufgelöst.

 

Nicola Torke

Bilder

Standort

  • Noch vorhanden / Öffentliche Sammlung
  • Nicht mehr vorhanden
  • Im Museum