Herman de Vries

Installationsansicht 2017. Foto: Hubertus Huvermann

Installationsansicht 2017. Foto: Hubertus Huvermann

sanctuarium

1997, Skulptur. Projekte in Münster 1997

Mauerring aus Backstein mit Sandsteinelementen, Vegetation

Höhe 3 m, Durchmesser 14 m, Wandstärke 0,4 m, Stärke der Sandsteinbekrönung 0,55 m

 

Standort

Wiesenfläche zwischen dem nördlichen Schlossgarten und der Einsteinstraße, permanente Aufstellung

 

Eigentümer

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

Herman de Vries

* 1931 in Alkmaar, Niederlande
lebt und arbeitet in Eschenau, Deutschland

In seinem 1995 publizierten Text „ich hasse kunst in der natur“ formuliert herman de vries: „natur ist sich selber genug und soll dem menschen auch genug sein. was wir noch von natur um uns finden können (ich sage bewusst nicht ‚haben‘) hat keine menschlichen zufügungen nötig. sie ist sich selbst – und für uns eine offenbarung, die meist nicht wahr genommen wird. kunst in der natur ist überheblich, arrogant – oder ignorant! wenn kunst etwas mit bewusstsein, bewusstseinsprozessen, bewusstwerdung (und ihrer kommunikation) zu tun hat – ist dann die natur nicht: bewusst sein?“1 Vor diesem Hintergrund fordert de vries zum Spaziergang auf, um an den Rändern von Wald- und Feldwegen den Zustand der Natur unmittelbar zu erfahren. Das Naturerlebnis sei reicher und erhebender, als jede Begegnung mit Kunst es je sein könne: „als künstler möchte ich dann eine eiche pflanzen, dort ungefähr, wo bonifazius (auf für unsere geschichtliche entwicklung verhängnisvolle weise) eine umschlagen liess; dann möchte ich ‚sanktuarien‘ einrichten und abgrenzen gegen jeden eingriff. natur ist kunst.“2

Tatsächlich errichtete de vries 1993 anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart erstmals ein sanctuarium, einen kreisrunden Zaun in einem zwischen zwei viel befahrenen Straßen eingeklemmten Garten. Dort erhielt die Natur einen durchlässigen Schutzraum inmitten der sich ausbreitenden Asphaltwüste. In Münster ist das sanctuarium mit seiner drei Meter hohen Backsteinmauer mit ebenfalls kreisrundem Grundriss als Antithese zu seinem Standort zu verstehen. Es liegt im nach Vorbild englischer Gartenbaukunst angelegten Schlosspark, in welchem nur bestimmte Pflanzen zugelassen sind und zudem dem menschlichen Formwillen unterliegen. de vries macht darauf aufmerksam, dass städtische Grünflächen zwar grüne Lungen sein mögen, es sich aber eigentlich um amputierte, verarmte Natur handle. Im Rund des sanctuarium jedoch können Pflanzen aller Art keimen, wachsen und vergehen. Über vier ovalen, sandsteingerahmten Öffnungen in der Wand ist folgender Text in Sanskrit eingelassen: „om. dies ist vollkommen. das ist vollkommen. vollkommen kommt von vollkommen. nimm vollkommen von vollkommen, es bleibt vollkommen.“3 Der Mensch ist von diesem idealen Ort physisch ausgeschlossen, es gibt keinen Eingang. Lediglich als Zuschauer, durch das ovale Rund, hat er Anteil an der Vollkommenheit der Natur.

Neben der Faszination für die tatsächlich wild und vielfältig gedeihenden Gewächse kommt beim Blick in das Rondell jedoch auch Unbehagen auf: Das sanctuarium bewahrt nicht nur Pflanzen, deren Samen der Wind herbeiträgt, sondern auch Glasscherben, Plastikmüll und Papierfetzen, von Menschenhand achtlos über die Mauer geworfen. Die Utopie einer unberührten Natur muss scheinbar vor der Realität unserer Wegwerfgesellschaft kapitulieren. Aber vielleicht ist dies auch zu kleinmütig gedacht, denn de vries denkt in größeren Dimensionen: Die Zeit wird weisen, welches die stärkere Kraft ist.

Eckhard Kluth

1 Andreas Meier (Hg.), herman de vries: to be. texte-textarbeiten-textbilder. auswahl von schriften und bildern 1954–1995, Stuttgart 1995, 178–179.

2 Ebd.

3 Klaus Bußmann, Kasper König und Florian Matzner (Hg.), Skulptur. Projekte in Münster 1997, Ausst.-Kat.: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, Ostfildern-Ruit 1997, 431–435.

Bilder

Standort

  • Noch vorhanden / Öffentliche Sammlung
  • Nicht mehr vorhanden
  • Im Museum