Jeremy Deller

Installationsansicht 2017, Foto: Henning Rogge

Installationsansicht 2017, Foto: Henning Rogge

Speak to the Earth and It Will Tell You (2007 – 2017) [Sprich zur Erde und sie wird es dir sagen (2007 – 2017)]

2007 – 2017

 

Partizipatorisches Langzeitprojekt und Präsentation während der Skulptur Projekte Münster 2017

 

Holzregal mit Tagebüchern, 2007 – 2017 geführt, installiert und zugänglich gemacht in einem Gartenhaus

 

Standort

Temporäre Aufstellung im Kleingartenverein Mühlenfeld, Lublinring

 

Seit Ende der Ausstellung ist die vollständige Sammlung der Tagebücher Teil des Skulptur Projekte Archivs. Ab 2018 sind die Bücher über die Bibliothek des LWL-Museums für Kunst und Kultur weiterhin öffentlich zugänglich und einsehbar

Jeremy Deller

* 1966 London, lebt in London, Vereinigtes Königreich

Jeremy Dellers Interesse gilt populär- und volkskulturellen Phänomenen, deren schöpferisches Potenzial und ästhetische Vielfalt er in zahlreichen, partizipatorisch-prozesshaften Arbeiten thematisiert. Ein Fokus liegt dabei auf der gruppenbasierten Produktion von Ereignissen, die so unterschiedliche Formen wie eine Stadtparade, ein Konzert, eine Ausstellung oder das Reenactment einer streikbedingten Konfrontation annehmen können.

Bei Dellers Arbeit für die Skulptur Projekte 2017 handelte es sich um eine naturwissenschaftliche und kulturanthropologische Langzeitstudie, die der Künstler bereits für die Ausgabe 2007 initiierte und in Zusammenarbeit mit Münsteraner Kleingärtnern realisierte. Er bat über fünfzig Vereine, für die nächsten zehn Jahre ein Tagebuch zu führen, das botanische und klimatische Daten protokollieren, aber auch als Chronik lokaler Vereinsaktivitäten und gesellschaftlicher wie politischer Ereignisse fungieren sollte. Die inhaltliche Gewichtung und Gestaltung blieb dabei den Vereinen überlassen. Um die Zeitspanne zu visualisieren, wurden Taschentuchbäume gepflanzt, die für ihre erste Blüte zehn Jahre benötigen

Das 2017 präsentierte Resultat umfasst etwa dreißig Bände, die in einem der Schrebergärten ausgelegt wurden und eingesehen werden konnten. Neben zyklischen Naturvorgängen und damit korrespondierenden Gartenroutinen dokumentieren die Bücher traditionsreiche Rituale, singuläre Ereignisse und Kuriositäten der Kleingärtnerkultur vor Ort in Münster. Zehn Jahre verdichten sich in objekthafter Gestalt, natürliche und soziale Strukturen, Wachstums- und Gestaltungsprozesse durchdringen sich in vielfältigen Relationen. Als Chroniken, die eine ganze Dekade umfassen, stellen die Bücher Wissensspeicher und kollektive Selbstporträts der Vereine dar. Sie bieten Einblick in einen teils klischeebehafteten Mikrokosmos. Zugleich sind sie Zeugnis einer alternativen Geschichtsschreibung, deren Aufmerksamkeit dem scheinbar Peripheren gilt. Indem Dellers Arbeit als Türöffner zu einer Alltagskultur fungiert, die in ihrer sozialen, ökologischen und ästhetischen Funktion das Münsteraner Stadtleben mitprägt, plädiert sie auch für ein erweitertes Umweltbewusstsein.

Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhren Kleingärten einen Funktionswandel: Ursprünglich häufig als Nutzgärten für die Selbstversorgung von Arbeiter- und Kleinbürgermilieus angelegt und vor allem in Krisenzeiten arbeitsintensiv bewirtschaftet, verbinden sich mit ihnen heute primär Freizeit, Erholung und Naturerfahrung. Als Schnittstelle von privatem Refugium und öffentlich einsehbarem, gemeinschaftlich verwaltetem Raum vereinen sie zahlreiche Widersprüche: Einerseits dienen sie der Entspannung und dem Rückzug, andererseits fördern sie Produktivität und soziales Miteinander. Reglements und Ordnung treffen auf Autonomiestreben und den Wunsch nach individuellem Ausdruck, die sich an der teils eigenwilligen Gestaltung der Parzellen ablesen lassen.

 

Andreas Prinzing

Bilder

Standort

  • Noch vorhanden / Öffentliche Sammlung
  • Nicht mehr vorhanden
  • Im Museum

Weitere Teilnahmen

Weitere Teilnahmen dieses Künstlers: 2007